Sympathiekundgebungen, das Wort Walter Lippmans und ein Karfreitag in den Trümmern

Von am 27. März 2014

Nach der Bombardierung Schaffhausens

Die Zureisesperre bis Ostermontag verlängert

Amtlich wird mitgeteilt: Trotz Einsatz von militärischen und zivilen Arbeitskräften sind die Aufräumungsarbeiten in Schaffhausen noch nicht so weit fortgeschritten, daß die Aufhebung der Zureisesperre über die Osterfesttage verantwortet werden kann. Es besteht nach wie vor bei verschiedenen bombardierten Gebäuden Einsturzgefahr. Auch war es in Ermangelung der notwendigen Anzahl Glaser unmöglich, die Fensterscheiben bei allen Verkaufslokalitäten zu ersetzen. Die Zureisesperre nach Schaffhausen wird deshalb verlängert bis Ostermontag 24.00 Uhr. Reisende mit Billetten nach Stein am Rhein und dem Untersee können dagegen Schaffhausen passieren.
Wie wir dazu an zuständiger Stelle weiter erfahren, ist auch der Durchreiseverkehr durch Schaffhausen Richtung Klettgau und Richtung Thayngen gestattet, sofern die Reisenden entsprechende Billette vorweisen können.

PDF Download Schaffhauser Nachrichten vom 6. April 1944 S.1
PDF Download Schaffhauser Nachrichten vom 6. April 1944 S.2

 

Weitere Sympathiekundgebungen

Nachdem der Stadtrat von Winterthur von sich aus dem nachbarlichen Schaffhausen eine Spende von 5000 Fr. zur ersten Linderung der Not überwiesen hat, hat nun der Große Gemeinderat am Montagabend beschlossen, einen weiteren Betrag von 5000 Fr. für den gleichen Zweck zu bewilligen.
Die „N. Z. Z.” regt die Bildung eines aus Vertretern der Kantonsregierung und des Zürcher Stadtrates sowie kultureller Vereinigungen gebildeten zürcherischen Komitees an, das zur „Zürcher Spende” auffordern soll. Das Blatt zeichnet einen ersten Beitrag von 5000 Fr. und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß vor allem jene Kreise, die sich der Schaffhausen und Zürich verbindenden kulturellen und wirtschaftlichen Bande in besonderer Weise bewußt sind, an einer solchen Aktion teilnehmen werden.
Der Regierungsrat von Obwalden hat Stadt und Kanton Schaffhausen auch noch schriftlich sein Beileid ausgesprochen. Der Ob waldner Kantonsrat hörte einen Nachruf seines Präsidenten Anton Ettlin (Kerns) auf die Opfer von Schaffhausen an, denen der Rat durch Erheben von den Sitzen ehrendes Gedenken erwies.
Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hat der Kantonsregierung von Schaffhausen und dem evangelischen Kirchenrat je ein Beileidsschreiben zugehen lassen. Ebenso hat der thurgauische Kirchenrat an die Schaffhauser Regierung und an den evangelischen Kirchenrat des Kantons Schaffhausen je ein Beileidstelegramm geschickt.
Der Evangelische Kirchenchor St. Gallen E. schrieb der Evangelisch – reformierten Kirchgemeinde Schaffhausen: „Tief erschüttert von dem grauenvollen Geschehen, das Ihre Stadtr betroffen hat, möchten wir in freundeidgenössischer Bruderliebe auch unserseits zur Linderung der größten Not in bescheidener Weise beitragen, indem wir Ihnen 170 Fr., die Sie nach Gutdünken den Geschädigten zukommen lassen werden, überweisen.”
Die Kirchgemeinde Vechigen bei Bern hat der evangelisch -reformierten Kirchenpflege Schaffhausen für die Aermsten der Obdachlosen ihre Palmsonntagskollekte von 130 Fr. überwiesen.
Die Generalversammlung des Verbandes des Personals öffentlicher Dienste, Sektion Stadt Zürich, hat beschlossen, der Stadt Schaffhausen zur Linderung der ärgsten Not der von der Katastrophe betroffenen Arbeiterfamilien einen Betrag von 1000 Fr. zu übermitteln.
Der Schweizerverein von Groß-New York hat in seiner Eigenschaft als Vertreter der New Yorker Schweizerkolonie dem Stadtpräsidenten von Schaffhausen ein Beileids- und Sympathietelegramm anläßlich der Bombardierung von Schaffhausen zugehen lassen.

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Eine wichtige amerikanische Simme

Der bekannte amerikanische Leitartikler Walter Lippmann, dessen Artikel in rund 170 bedeutenden Zeitungen der Vereinigten Staaten erscheinen, schreibt über die Bombardierung von Schaffhausen: „In den Vereinigten Staaten wird das Bedauern über dieses tragische Versehen tief empfunden werden. Trotz unseres Schmerzes sind wir zu keiner Wiedergutmachung imstande, welche die Toten ins Leben zurückrufen würde, ja nicht einmal den materiellen Schaden können wir in vollem Umfange wieder gutmachen. Unser Volk will aber sicher in möglichst großem Ausmaße alles das verwirklicht sehen, was getan werden kann, um unsere wahren Gefühle zu zeigen, und was geleistet werden kann, um die verwüstete Stadt wieder herzustellen und die Schweizer zu entschädigen.
Aber es besteht die Möglichkeit, mehr zu tun als nur das. Für den Präsidenten der Vereinigten Staaten bietet sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, die kriegswirtschaftlichen Maßnahmen, denen ebenfalls die Schweiz unterliegt, einer Ueberprüfung und Wiedererwägung zu unterziehen. Viele Amerikaner haben die Auffassung, daß diese Maßnahmen der wirtschaftlichen Kriegführung die Grenze der Menschlichkeit, der Vernunft und militärischen Notwendigkeit überschritten haben. Selbst der Präsident weiß nicht, ob die Verfügungen der wirtschaftlichen Kriegführung nicht in vielen Fällen den Schweizern mehr Leid zufügen, als sie den vereinigten Nationen nützen. Uebereifrige subalterne Beamte mögen oft das Gefühl dafür vermissen lassen, daß zwischen den Schweizern, die treue Neutrale sind, und den Satellitenstaaten Deutschlands Unterschiede zu machen sind.
Die Neutralität findet bei Mächten, die mit Leib und Leben im Kriege stehen, nicht viel Sympathie. Aber die Neutralität der Schweiz -ist wahrhaftig eine ganz besondere Erscheinung, ja vollständig einzigartig. Als einziges Land in Europa hat die Schweiz keine militärische Konzessionen gemacht. Rings umgeben von einer faschistischen Umwelt, war und ist ihre Neutralität viel mehr als nur eine politische Haltung, um außerhalb des Krieges zu bleiben. Die Schweizer haben ihre demokratischen Freiheiten hochgehalten, weil sie ihnen teuer sind und weil sie starke Herzen haben. Das ist ein großer Beitrag an die Menschheit.
Was immer die Regierung tun kann, um nicht nur ihr Bedauern über die Geschehnisse von Schaffhausen, sondern auch ihre Würdigung der Haltung, welche die Schweiz bisher einnahm, zum Ausdruck zu bringen, sollte sie tun.
Wir werden dafür reichlich entschädigt werden, wenn wir uns dadurch für die Zeit nach dem Kriege das Vertrauen und die Freundschaft des Schweizervolkes sichern. Vergessen wir nicht, daß die Schweiz berufen ist, zum Heile der Nationen ihre notwendige Rolle zu spielen. Dank ihrer historischen Tradition ist die Schweiz der Sitz, ja die Hauptstadt der Werke des menschlichen Erbarmens und der menschlichen Mildtätigkeit. Wir werden die Schweizer nötig haben, wenn der Krieg vorbei ist, weil vielleicht sie einzig und allein in der Lage sein werden, überall hinzugehen, von niemandem gefürchtet, von allen mit Vertrauen begrüßt.”
Der Artikel Lippmanns schließt mit dem Satz: „Wenn wir uns das alles überlegen, werden wir in der Betrübnis über dieses schreckliche Unglück über selbstverständliche Beileidsbezeugungen und die Wiedergutmachung des Schadens hinausgehen und in weiterreichenden Handlungen unsere moralische Solidarität mit diesem bewundernswürdigen Volke zum Ausdruck bringen.”

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Aufräumungsarbeiten

Wenn man durch die bombardierten Quartiere unserer Stadt geht, die nun wieder zum größten Teil frei passierbar sind, sieht man überall Arbeiter und Soldaten am Werk, welche die Spuren der Verwüstung beseitigen. Wenn gestern Detonationen die Lust zerrissen, so handelte es sich glücklicherweise nicht um Bomben, sondern um Sprengungen. Die Ruinen der zerstörten Häuser werden niedergelegt, um die Passanten vor Einsturzgefahr zu bewahren und Raum zu schaffen für den Wiederaufbau. Eine ganze Schar Glaser ist eifrig damit beschäftigt, neue Fensterscheiben und Schaufenster einzusetzen. Die Dachdecker haben alle Hände voll zu tun, die unzähligen in die Brüche gegangenen Ziegel durch neue zu ersetzen. Die Ruinen des zerstörten Südflügels des Bahnhofgebäudes sind schon vollständig abgetragen.
Es ist ein tröstliches Gefühl, daß trotz allem Schmerz über das schwere Unglück, das unsere Stadt betroffen hat, der Wiederaufbau rasch voranschreitet. Es ist dies ein Zeichen dafür, daß wir Schaffhauser den Erfordernissen der Stunde mutig ins Auge schauen

Kategorie: Zeitungsarchiv