Wie es zur Katastrophe kam

Es sind fast 1000 Flugzeuge, die am Morgen des 1. April 1944 von der Küste Südenglands aus starten. Ihr Ziel: Ludwigshafen am Rhein (bei Mannheim). Verschiedene Male im Kriegsverlauf hatten alliierte Luftangriffe der Industriestadt gegolten: Hier lag der riesige Industriekomplex der IG Farben, des damals grössten Chemiekonzerns Europas, der an die Wehrmacht Giftgas und weitere kriegswichtige Chemiekalien lieferte.
Die geplante Anflugroute sah einen fast schnurgeraden Kurs über den Ärmelkanal und Südbelgien und Luxemburg auf die Stadt Ludwigshafen von Nordwesten her vor. Es kam anders. Nicht nur fiel auf Ludwigshafen an jenem Tag keine einzige Bombe, sondern die schlechten Wetterbedingungen, Navigationsschwierigkeiten und menschliche Fehlentscheidungen sollten den chaotisch verlaufenden Einsatz für die U.S. Air Force zum Fiasko und für die neutrale Grenzstadt Schaffhausen zum mörderischen Inferno ausarten lassen.

Bereits über dem Ärmelkanal geriet die Luftstreitkraft in ungünstiges Wetter, sodass über die Hälfte der Einheiten kehrtmachte und den Einsatz abbrach. Laut dem Historiker McBride (siehe Literaturhinweise) drehten die verbleibenden Divisionen aufgrund eines verhängnisvollen Navigationsfehlers schon nach Erreichen der französischen Küste zu weit nach Süden ab. Das hatte zur Folge, dass zum Zeitpunkt, als sich die Flugzeuge dem Einsatzgebiet über Mannheim hätte nähern sollen, sie sich in Wahrheit bereits gegen 100 Meilen zu weit südlich befanden. Trotzdem änderte die Mehrheit der Divisionen jetzt den Kurs auf Süden, um Ludwigshafen von Norden her angreifen zu können. Das war um 9.44 Uhr.

Liberator Bomber

Viermotoriger U.S. Bomber des Typs B-24 “Liberator”

 Und dann brach im Himmel über dem zentralen Baden-Württemberg Chaos aus. Einerseits vollzogen nicht alle Divisionen diese Kursänderung, wodurch sie weiter nach Südwesten irrten. Doch auch die abgedreht habenden Einheiten wurden immer konfuser – tauchten doch durch Löcher in den Wolken Städte und Seen auf, die dort laut ihren Navigationskarten gar nicht sein sollten. Ohne zu wissen, dass sie bereits 120 Meilen südlich von ihrem Einsatzgebiet entfernt waren, erkannten die Piloten offenbar, dass die Navigation versagt hatte. Sie vollzogen eine 180°-Wende und flogen nun von Süden her das im Nordschwarzwald gelegene Pforzheim an und bombardierten es als Ausweichziel. Andere Flugzeuggruppen griffen an diesem Morgen Strassburg an.

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“Liberators” im Einsatz: Zeichnung von Ludwig Lund, 2nd Air Division.

 

Ungefähr zur gleichen Zeit vollzogen die weiter südlich fliegenden Gruppen nun den vorgesehenen Kurswechsel und koppelten sich so vollständig von den anderen Divisionen ab. Dabei drangen zwei Combat Wings (CBWs), ohne es zu wissen, fast zehn Meilen weit in den Schweizerischen Luftraum ein: der 2nd CBW und der die Staffel anführende 14th CBW. Über Friedrichshafen und Wil SG flogen beide Formationen während 12 Minuten eine Kurve, um sich wieder den anderen Divisionen anzuschliessen. Haben die Piloten des 2nd CBW die fernen Alpen gesehen? Haben sie den Bodensee richtig identifiziert? Um 10.31 schlug diese Formation jedenfalls stracks einen Nordkurs ein. Der 14th CBW hingegen setzte seinen nordwestlichen Kurs fort.

Dem Tagebuch der 392. Bombergruppe und von Leutnant Frank Snell, Navigator in dieser Gruppe, entnehmen wir folgende Notizen:

«Am 31. März 1944 um 01.30 Uhr erhielten wir von der Division neue Befehle, um Ludwigshafen anzugreifen. Das Briefing erfolgte um 04.30 bis 05.30 Uhr, aber um 09.00 Uhr wird der Einsatz wegen schlechten Wetters über Deutschland gestrichen. Am Abend werden wir wieder für den Einsatz Ludwigshafen alarmiert. Um 06.45 Uhr am 1. April 1944 starteten 46 B-24 Richtung Deutschland. Start und Überflug bis Lille verliefen normal. Nachher wurde uns schnell einmal klar, dass wir südlich-westlich vom Kurs abtrieben und eine Korrektur nötig gewesen wäre, was das Divisionsführungsflugzeug nicht befahl. So war es in der Folge schwierig, irgendwelche Checkpunkte ausfindig zu machen, vor allem auch weil wir bis 7000 Meter über Meer anstiegen. Ich glaubte, Saarbrücken und Strassburg erkannt zu haben, und meldete es dem Bordkommandanten. Wir flogen weiter. Nach einer Kurskorrektur waren wir nicht sicher, ob wir nun Stuttgart oder Karlsruhe überflogen. Da ich keine neuen Navigationsdaten erhielt, um die Position zu überprüfen, flogen wir blind weiter. Plötzlich wurde ein Ziel identifiziert, eine Stadt an einem linken Flussufer. Der Kommandant gab kurz eine Kurskorrektur durch, dann wurden die Bomben um ungefähr 11.00 Uhr ausgelöst. Anschliessend drehten wir auf 290° Richtung Kanalküste. Auf dem Rückweg konnte ich erst wieder Lille identifizieren. Zwischen Calais und Dünkirchen gerieten wir in starkes Flabfeuer. Wir hatten während der ganzen Mission keine Winddaten erhalten. In unserer Gruppe gab es keine Verluste. Im Rahmen des Debriefings nach dem Einsatz erfuhren wir, dass das Pfadfinderflugzeug sich total verirrt hatte und vom geplanten Kurs südlich abgewichen war. Wolken haben visuelle Navigation verhindert. Die Bomben wurden abgeworfen, und alle Bomber kamen eine Stunde verspätet heil zurück. Wir erfahren, dass unsere Bomben 5 km SE von Schaffhausen in einen Wald gefallen sind. Daraus resultierte, dass wir umfassende Erklärungen abgeben mussten. Bis zum 6. April waren keine weiteren Einsätze aus Wettergründen möglich.» (zit. in den SN vom 31. 3. 1994)

Ein Vergleich der geplanten mit der tatsächlichen Flugroute legt nahe, dass sich die Piloten des aus drei Geschwadern bestehenden 14th CBW genau gemäss Briefing verhielten und sich auf Kurs in Richtung Ludwigsburg wähnten. Kein Wunder, hielten sie nun eisern an den geplanten Manövern fest. Umso mehr, als der 2nd CBW dann nirgendwo mehr zu sehen war. Die 14th war nun bereit zum Einsatz: Sichtbombardierung.

Den Finger am Abwurfknopf überflogen die Piloten nun die 6000 Meter unter ihnen liegenden Dörfer, Felder und Wälder. Drei Staffeln im Anflug über Schlatt TG und Uhwiesen in Richtung Nordwesten. Die Bomber sind nun über 150 Meilen zu weit südlich, wissen es aber nicht. Und da taucht eine Stadt am rechten Ufer eines markanten Flusses auf: Schaffhausen.

Was nun folgt, lässt sich aus zahlreichen Schilderungen von Schaffhauser Zeitzeugen entnehmen: Gegen 12 Flugzeuge der ersten Staffel überfliegen die Stadt Schaffhausen, ohne Bomben abzuwerfen, um 10.50 Uhr. Hatten diese Piloten erkannt, dass es sich nicht um das beabsichtigte Einsatzgebiet handelt? Was war es, das sie zweifeln liess? Die ihr nachfolgenden beiden Staffeln jedoch sind auf Zerstörungskurs. Bei Fluggeschwindigkeiten von über 160 Meilen pro Stunde ist die Entscheidung über Abwurf oder Nichtabwurf für jeden Staffelkommandanten eine von Sekunden.

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Fast 500 Bomben entluden die Bomber im Kohlfirstwald. Heftoge Detonationen waren bis ind ei

 

Die zweite Staffel, bestehend aus gegen 28 Flugzeugen, löst ein Rauchsignal aus und entlädt eine beachtliche Menge von gegen 500 Bomben auf einem fast 400 Meter breiten Teppich über dem Kohlfirstwald. Die Erde bebt, die Detonationen sind um 10.52 Uhr in der Stadt Schaffhausen zu vernehmen.

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Die Bombenteppiche: Auf dem Plan ist ersichtlich, in welcher Richtung die Flugzeuge unterwegs waren. überflog die erste Staffel die Stadt noch in eher ost-westlicher Richtung, folgten die anderen beiden Staffeln in Richtung Nordwest. Die erste Staffel streute ihre Bomben auf einem 400 Meter breiten Streifen über Schlatt/Paradies und dem Kohlfirstwald (schraffierte Fläche rechts). Die dritte Staffel bombardierte Feuerthalen, Flurlingen und die Stadt. Die nordöstlichen Quartiere sowie das Mühlental mit den Industrieanlagen blieben unversehrt. Der Bombenteppich erstreckte sich bis auf die Breite und den Engewald hinein.

 

 

Die dritte Staffel von mindestens 15 Bombern nähert sich wenig später der Stadt: Auch sie gibt das Leuchtsignal zum Bombenabwurf. Um 10.55 Uhr treffen die fast 400 Spreng- und Brandbomben mit einem Gesamtgewicht von gegen 50 Tonnen die Stadt Schaffhausen.

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Die Karte zeigt die Einschlagstellen der abgeworfenen Bomben im Bereich Altstadt und Rheinufer. Rot = vollständig zerstörte Gebäude. (Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen)

 

 

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Detailplan Beckenstube (Stadtarchiv Schaffhausen): Übersicht über die tödlichen Einschläge im Areal Beckenstube (Kantonsgericht und Regierungsgebäude). Rechts das Restaurant Thiergarten.

 

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Detailplan Bahnhof Schaffhausen (Stadtarchiv Schaffhausen): Eine einzige Sprengbombe hatte den Tod von 18 Menschen zur Folge. Die Wucht der Explosion traf nicht nur Menschen im Inneren des Bahnhofgebäudes, sondern auch Reisende in den Zügen und Passanten auf dem Bahnhofplatz.

 

Schaffhausen im Bombenhagel: Zerstörung, Chaos und Leid waren unvermittelt, unerwartet über die Stadt gekommen. Auf Stadtgebiet allein wurden nach der Bombardierung 236 Brandbomben, 130 Sprengbomben und 9 Blindgänger gezählt. Insgesamt gehen in Schaffhausen und Umgebung gegen 1000 Bomben, die Mehrzahl davon Brandbomben, mit einem Totalgewicht von 50 bis 70 Tonnen nieder. Nicht länger als vierzig Sekunden hatte die Bombardierung gedauert. Vierzig Sekunden, die in die Geschichte nicht nur der Stadt, sondern auch der Schweiz eingehen sollten und eine verheerende Wirkung zeitigten: 40 Todesopfer und gegen 270 Verletzte – ein Drittel davon schwer. 66 Gebäude wurden vollständig zerstört oder schwer beschädigt, 506 Gebäude erlitten weniger schwere oder leichtere Beschädigungen. 129 Wohnungen wurden total zerstört und 50 so schwer beschädigt, dass sie für kürzere oder längere Zeit nicht bewohnt werden konnten. Gegen 500 Personen waren obdachlos geworden. Nach zähen und langwierigen Verhandlungen entschädigten schliesslich die Amerikaner die Schaffhauser mit rund 40 Millionen Franken. In dieser Summe war auch die Entschädigung von 3,8 Millionen Franken an die Stadt Schaffhausen für Schäden am Museum, an der Steigkirche und dem Naturhistorischen Museum enthalten.

Ein Major Primault vom Generalstab erklärte später in der offiziellen Untersuchung (Operations Report) der U.S. Air Force zur versehentlichen Bombardierung der Stadt Schaffhausen das Bombardement folgendermassen: Neben der Hauptaufgabe, gewisse Objekte zu bombardieren, erhielten die amerikanischen Bomberstaffeln den Nebenauftrag, dass sie, falls die Hauptaufgabe nicht ausgeführt werden könne, die Fabriken und die Kommunikationsmittel des Störungssektors zu bombardieren hätten. Es sei wahrscheinlich, dass sich die Staffel auf Grund des Windes oder des feindlichen Angriffes im Weg geirrt habe und abgehalten worden sei, ihre Hauptaufgabe zu erfüllen, so dass sie ihre Bomben auf den Bahnhof und die Fabriken von Schaffhausen fallen liess, im Glauben, in Deutschland zu sein, und ohne den Versuch zu unternehmen, dieses Nebenobjekt näher zu identifizieren. Der Hauptfehler dieser Bombardierung sei im Wesentlichen darin zu sehen, dass die amerikanischen Karten den Verlauf der Schweizer Grenze nicht genau angegeben hatten. Am 11. April 1944 wandte sich Staatssekretär Cordell Hull mit einem Communiqué an die Öffentlichkeit, worin er ausführte, dass gemäss dernUntersuchungen im Verlaufe der Operationen gegen die Nazis eine ihrer Bomberstaffeln durch Verkettung von Umständen die Vorsichtsmassnahme zur Vermeidung von Ausschweifungen dieser Art nicht beachtet und irrtümlicherweise im Norden des Rheins einen Teil des Schweizer Luftraumes überflogen und bombardiert habe. Der Sekretär Stimson habe ihm das Bedauern der amerikanischen Flug-Streitkräfte ausgedrückt über diese Tragödie.

Dank der gut organisierten Rettungseinsätze unter der Führung des Stadtpräsidenten Walther Bringolf, der Stadtpolizei, Luftschutztruppen, Feuerwehr, Stadtwehr, des Gas- und Elektrizitätswerkes und der Kriegsfürsorgestelle konnten bis 14 Uhr des 1. April die Brände eingedämmt, die Toten grösstenteils geborgen und die Verwundeten in die Spitäler eingeliefert werden. Ab 13 Uhr setzte auch der Sicherungs- und Absperrdienst ein, der auf die schwer betroffenen Stadtgebiete und auf die Umgebung der Stadt ausgedehnt wurde. Mit der Aufräumung der Strassen wurde sofort begonnen. Für die Durchführung der Wiederaufbauarbeiten liess sich der Stadtrat vom Grossen Stadtrat und der Einwohnergemeinde Schaffhausen ausserordentliche, befristete Vollmachten erteilen.

Detaillierte Aufarbeitung der Flugbewegungen beim Einsatz der U.S. Air Force vom 1. April 1944: siehe den ausführlichen Vortrag des US-Historikers James H. Hutson, «Bombing the Sister Republic», erschienen in: «Angst – Trauer – Hoffnung, die Kriegsjahre in Schaffhausen 1939-1945», Meier Verlag, 1995, Schaffhausen.

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