Rückschau auf einen strahlenden Frühlingsmorgen (1969)

Von am 29. März 2014

Am 1. April 1969 jährt sich zum 25. Mal der Tag, an welchem die Stadt Schaffhausen — irrtümlich, wie es heisst — von amerikanischen Fliegern bombardiert wurde. Und es ist vielleicht ganz interessant, als heute 32jähriger Rückschau zu halten auf die Geschehnisse, die sich an jenem strahlenden Frühlingsmorgen abspielten.

PDF DownloadSchaffhauser Nachrichten – Ausgabe vom 01.04.1969

Es war eine Zeit, wo die Menschen noch nicht im heutigen Masse von der Technik gehetzt waren. Und ich erinnere mich noch sehr gut an die städtischen Autobusse, die sich damals mit mächtigen Holzvergasern am Heck den steilen Emmersberg hinaufquälten. Und wenn es dann gar zu harzig ging, stieg der alte Chauffeur Muhl mit einem mächtigen Sack Holz auf dem Buckel die Leiter hinauf, den er in den grossen Kessel hinein entleerte. Ueberhaupt war das mit dem Verkehr so eine Sache. Am meisten sah man Pferdefuhrwerke — von der Firma Gebrüder Tanner AG etwa, wenn sie von der «Seili» her mit dem schweren, eisenbereiften Tiefgangwagen die riesigen Seilrollen zum Güterbahnhof transportierten. Und wir Buben vergnügten uns damit, auf der Strasse mit farbiger Kreide allerhand Figuren zu malen. Man stelle sich das einmal heute vor…

Doch zurück zum 1. April. Den Morgen verbrachte ich im Kindergarten, mich friedlich mit meinen Gefährten beim Spiel verweilend. Doch kurz vor elf Uhr ertönten die Sirenen, und die Kindergärtnerin trieb uns mit energischen Worten in den Keller — oder was man im Kindergarten Gruben so nennen mochte. Beim lauten Stimmengewirr entging uns jedoch der Augenblick der Bombardierung, erst als eine unserer Schwestern schreckensbleich die Treppe herunterstieg, ahnten wir, dass etwas nicht stimmen konnte.

Schliesslich teilte sie uns mit, dass Schaffhausen bombardiert worden sei und etwa eine halbe Stunde später, als der Endalarm schon lange verklungen war, traten wir mit der Weisung den Heimweg an, unver-zug ich nach Hause zu laufen. Als mein Begleiter und ich die hintere Teilstrasse betraten sahen wir-genau in der Richtung meines Eltern-hauses – eine mächtige Rauchsäule stehen, die uns das Schlimmste befürchten hess. Beim Weitergehen bemerkten wir indessen, dass der Rauch weiter weg sein musste, und meine Heimstätte stand zu meiner Erleichterung — und trotz ihres biblischen Alters — unversehrt. Die Mutter nahm mich unverzüglich in Empfang, damit ich ihr ja nicht etwa in die Stadt entwischte. Ein Ungewisses Bangen begann, denn unser Vater befand sich im Zürcher Weinland im Aktivdienst.

Da alle Telephonleitungen unterbrochen waren, besass er keine Gelegenheit sich zu erkundigen, ob wir wohlauf seien. Und wir wussten nicht, ob er bald kommen würde. Am Nachmittag gab es dann noch einige Aufregung, als ein Fieseier Storch um den Emmersberg-Tumplatz in geringer Höhe zu kreisen begann und die Absicht bekundete, zur Landung anzusetzen. Das ganze Quartier rannte aus den Häusern, doch muss der Pilot im letzten Augenblick bemerkt haben, dass die Länge des Platzes nicht zur Landung ausreiche. Er flog deshalb eine weite Kurve und entfernte sich mit seiner Maschine wieder. Gegen Abend erschien unser Vater in seiner feldgrauen Uniform. Er hatte aus den Nachrichten vom Bombenangriff erfahren und war von seinem Kommandanten unverzüglich beurlaubt worden, weil er sich nirgends nach dem Ergehen seiner Familie erkundigen konnte. An diesem Abend gingen wir spät ins Bett und verbrachten eine unruhige Nacht.

Am Sonntagmorgen — wer will ihm das verargen — begab sich mein Vater auf eine Orientierungstour durch die Stadt, und auf mein Betteln hin durfte ich ihn begleiten Seine Uniform war Legitimation genug, dass wir überall passieren konnten, wo dies möglich war. Unser Weg führte uns schliesslich auch zur Bindfadenfabrik, wo die Strasse zentimeterhoch mit dicken Glasscherben übersät war. Und den Anblick, den die Stadt Schaffhausen von hier oben bot, werde ich zeit meines Lebens nicht mehr vergessen. Die grössten Brände waren freilich gelöscht, doch noch immer bemühten sich Feuerwehrleute um die immer wieder hervorzüngelnden Flammen in der Fahrradteile-Fabrik Weinmann, die ihr Domizil damals an der Mühlenstrasse hatte. An der Stokarbergstrasse waren das Rauschsche Gut und die Villa Moersen nur noch rauchende Trümmerhaufen, ebenfalls das katholische Vereinshaus, an dessen Stelle heute der «Schaffhauserhof» steht, während die Steigkirche durch eine Sprengbombe getroffen wurde, die das ganze Schiff verwüstete.

Wir Kinder waren damals noch zu klein, um nach dem Wie und Warum zu fragen, die die Hintergründe der Bombardierung unserer Stadt bildeten. Darüber konnte man sich in letzter Zeit von verschiedenen Seiten her belehren lassen. Was uns aber haften blieb, war das, dass es nicht nur ein erhabenes, sondern auch ein gefährliches Schauspiel war, wenn die allierten Flieger zu Hunderten über unsere Stadt hinwegdonnerten. Und die Lehrerin hatte — manchmal sechs- oder siebenmal am Tag — keine Mühe, uns in den Keller zu treiben, wenn die Sirene auf der Kantonsschule zu heulen anfing. Aber schliesslich gewöhnten wir uns auch daran, und es machte uns auch nichts mehr aus, dass der Unterricht auch während des Aufenthalts im Keller fortgesetzt wurde, um so mehr, als uns die dicken Stützbalken ein Gefühl der Geborgenheit verliehen. Und es bleibt nur die Hoffnung, dass unseren Kindern die Gefahren eines solchen Krieges erspart bleiben mögen. w. b.

Kategorie: Zeitungsarchiv