Erste Bilanz und Heldengeschichten (April 1944)

Von am 29. März 2014

8.4. 1944

Umfang und Auswirkung der Bombardierung Schaffhausens

Zehn Tage sind verstrichen seit dem großen Unglück. Seit Tagen schon ist ein emsiges Volk am Werk, um die Wunden, die unsere Stadt erlitten hat, zu heilen. Die ganze Tragik des Geschehens kommt uns im Waldfriedhof an den Gräbern der Opfer zum Bewußtsein. Sind alle diese Mitbürger vielleicht nicht dazu gefallen, um unsere Stadt und Land vor noch Schlimmerem zu bewahren? Schaff-Haufen in seiner exponierten Stellung wird durchhalten und neu ausbauen. Geradezu rührend ist die große Anteilnahme des Schweizervolkes. Redner stattet allen unzähligen Helfern im Namen des Rates den tiefempfundenen Dank ab. Der Chefarzt des Kantonsspitals, Dr. Billeter, und das Personal haben mit großer Hingabe den Verletzten Hilfe gebracht. Der alte gut eidgenössische Brudergeist ist bei dem Unglück Schaffhausens wachgeworden. Möge er von Dauer sein.

PDF DownloadSchaffhauser Nachrichten – Ausgabe vom 17.04.1944  

Der Rat erhebt sich zu Ehren der Toten von den Sitzen.

Darauf ergreift Stadtpräsident Bringolf das Wort. Unser Land ist eine Insel des Friedens inmitten des Kriegsgeschehens. Die Schweiz befindet sich außerhalb des Krieges, gesichert durch die Armee und festhaltend an der strikten Neutralität.

Schon 1336 wurde die Luftschutzorganisation ins Leben gerufen. Neben dem Luftschutz blieb die ordentliche Feuerwehr bestehen. 1940 entstand die Ortswehr, bei uns Stadtwehr genannt. 1943 wurden alle größeren schweizerischen Gemeinden verpflichtet, die Organisation der Kriegsfürsorge zu schaffen. Diese Organisationen stellten und stellen große Anforderungen an die Bevölkerung. Seit Kriegsausbruch ist im Gebiet der Stadt Schaffhausen auch der bauliche Luftschutz (Errichtung von Lustschutzkellern) stark gefördert worden. Im Gebiete der engeren Altstadt befinden sich 20 öffentliche Lustschutzräume, überdies bestehen 200 private Lustschutzkeller.

Die zahlreichen Verletzungen unseres Luftraumes, ohne daß etwas Ernsthaftes geschehen wäre, wiegten zusammen mit der Lockerung der Luftschutzvorschriften unsere Bevölkerung in Sicherheit. Ueberfliegungen unseres Gebietes wurden von einem großen Teil unserer Bevölkerung als ein mehr oder weniger interessantes Schauspiel aufgefaßt. Mit Bomben, abwürfen rechnete auch am I.April niemand. Auch die berufenen Organisationen wurden durch die Ereignisse überrascht.

Redner gibt darauf einen Ueberblick über den Verlauf der Katastrophe. Nach den Angaben des Lustschutzkommandos erfolgte am I.April um 1038 Uhr Fliegeralarm. Die zweite von den drei Staffeln amerikanischer Flugzeuge warf Bomben im Kohlfirstgebiet ab. Die dritte Staffel warf um 10.55 Uhr über der Stadt Brand- und Sprengbomben ab. Kurze Zeit darauf brachen 41 Brände im Stadtgebiet aus. Stadtpräsident Bringolf zählt die getroffenen Objekte auf. Insgesamt haben die polizeilichen Organe bis jetzt 331 Brand- und Sprengbombeneinschläge im engeren Stadtgebiet festgestellt. Vor allem wurden die südlichen und südwestlichen Stadtgebiete getroffen.

Unmittelbar nach den Einschlägen gingen beim Luftschutz und der Stadtpolizei die ersten Hiobsbotschaften ein. Schon um 11 Uhr wurden ans der Stadtpolizei die ersten Verletzten eingebracht. Sofort setzten auch die Hilfsmaßnahmen der Organisationen und freiwilligen Kräfte ein. Von 11—ll.15 Uhr begann man mit der Bekämpfung der Großbrände. Unzählige kleine Heldentaten sind von Frauen, Männern, Knaben und Mädchen zu verzeichnen gewesen. Um 11.30 Uhr traf Oberst Oskar Frey aus der Stadtpolizei ein, der einen ersten zusammen, fassenden Gesamtüberblick über das Ausmaß der Bombardierung geben konnte. Daraus setzten weitere organisatorische Maßnahmen ein. Bis 12 Uhr mit. tags waren die Lösch- und Rettungsarbeiten weitgehend im Gange.

Von 12 Uhr mittags an stellten sich auch die Feuerwehren der hiesigen Großbetriebe zur Vorfügung. Zwischen 12 und 13 Uhr wurden die Hilfs. maßnahmen auf der Stadtpolizei unter der Leitung des Stadtpräsidenten zusammengefaßt. Die Kriegsfürsorgestelle nahm sich sofort der Obdachlosen an. Alle Anordnungen, Verfügungen und Maßnahmen wickelten sich rasch und zuverlässig ab.

Das Ausmaß und die Auswirkung der Katastrophe: Im Vordergrund steht die erschütternde Tatsache, daß das Bombardement bis jetzt 39 Todesopfer gefordert hat. Im Kantonsspital befinden sich noch 33 Verletzte, von denen einige zwischen Leben und Tod schweben oder dauernd mehr oder weniger invalid bleiben werden. 66 Gebäude sind zerstör! oder stark beschädigt. In 38 Gebäuden sind zusammen 108 Wohnungen vollständig zerstört oder unbewohnbar geworden. Weitere 11 Gebände mit 21 Wohnungen sind mehr oder weniger schwer beschädigt. 17 gewerbliche Betriebe sind zerstört oder stark beschädigt. Auch die städtischen Werke haben Schäden zu verzeichnen. Das Elektrizitätswerk ist allerdings leicht beschädigt. Dagegen sind zahlreiche Kurzschlüsse und Unterbrechungen der Stromversorgung zufolge Bombentreffern und Zer störung von überirdischen Leitungen eingetreten. Das Gaswerk und die Wasserversorgung haben indirekte Schädigungen erlitten durch Leitungsbrüche, die durch Einschläge in Straßen verursacht wurden. Beschädigt wurden auch die Telephonkabel, woraus teilweise die Unterbrechung des Telephonverkehrs zurückzuführen ist.

Der Einschlag in den Südflügel des Bahnhofgebäudes hat 16 Todesopfer gefordert, die Sprengbombe beim Regierungsgebäude hat 10 Menschen getötet. — Zwei Sprengbomben haben folglich 26 Todesopfer gefordert, was die furchtbare Wirkung solcher Einschläge zeigt.

Die weitaus größte Zahl der Opfer ist nach den Angaben des Bezirksarztes durch stürzendes Gebälk oder Steine getroffen worden. Reine Explosiwirkungen waren relativ selten, der Tod durch Bombensplitter war ebenfalls nicht die Regel. Verbrennung als Todesursache ist nicht vorgekommen. Sehr häufig waren Schnittwunden infolge Glassplitter festzustellen. Der Erstickungstod infolge Verschüttung ist nur in einem einzigen Falle konstatiert worden.

Die Zahl der Obdachlosen in der Stadt Schaffhausen beträgt 428; 102 Familien und 63 Einzelpersonen sind vollständig obdachlos.

Anerkennung und Dank verdienen alle jene, die während der Katastrophe halsen. Unsere Bevölkerung hat sich in der Stunde der Gefahr bewundernswert Verhalten. Bewährt haben sich vor allem unsere Organisationen. Eine Unmenge von Kleinarbeit ist um 1./2. April und in den folgenden Tagen vom Stadt, rat, dem Regierungsrat und den verschiedenen Organisationen geleistet worden. Redner spricht ihnen sowie allen Freiwilligen, die hilfreich einsprangen, den Dank des Stadtrates aus. Unser Dank gilt aber auch den auswärtigen Helfern und den Industriefeuerwehren.

Allen diesen Hilfskräften ist es zu verdanken, wenn drei Stunden nach dem Bombardement die Brände lokalisiert waren.

Unsere Stadt hat aber auch in diesen schweren Tagen die freundeidgenössische Solidarität erfahren dürfen. Stadipräsident Bringolf dankt im Namen des Stadtrates und der Bevölkerung für die große Anteilnahme und Hilse des Schweizervolkes.

Bis Mittwochabend sind beim Stadtrat von Gemeinden und Kantonen 40 770 Fr. eingegangen, von Privaten, Firmen und Vereinen 115 000 Fr., ans andern Beiträgen 430 Fr. Dazu sind beim Kanton Schaffhausen 57 400 Fr. für den gleichen Zweck eingegangen, total rund 214 000 Fr

Der Stadtrat und Regierungsrat haben im Hinblick aus den Rechtsanspruch Schaffhausens auf Schadenersatz von einer öffentlichen Sammlung abgesehen. Die Behörden danken hingegen allen für die freiwilligen Spenden, die als zusätzliche Hilfe Ver Wendung finden sollen.

Was geschiehtweiter? Die Aufräumungsarbeiten werden bis Ende dieser Woche zu einem vorläufigen Abschluß gelangen. Die restlichen Abräumungsaufgaben gehen an die privaten Liegenschaftsbesitzer über. Die Zentralstelle für Obdachlose arbeitet ununterbrochen weiter. Jeder Obdachlose ist zur Stunde untergebracht.

Eine weitere Zentralstelle für die Feststellung von Personenschäden ist in Vorbereitung.

Im Stadthaus, Parterre, wurde eine Auskunfts stelle über alle die Bombardierungsschäden betreffenden Fragen eingerichtet. Sämtliche Luftschutzräume werden besser markiert und mit Sanitätsmaterial ausgestattet werden. Die Bedienung der Luftschutzräume mit Sanitätspersonal wird ausgebaut.

Unsere Stadt ist das Opfer eines verhängnisvollen Irrtums geworden. Mit Genugtuung nehmen wir zur Kenntnis, daß die amerikanische Regierung den Irrtum tief bedauert. An der Wiedergut machung der Schäden ist nicht zu zweifeln, wenn auch bis zu deren Abschluß eine gewisse Zeit vergehen wird. Genaue Zahlen über die Höhe der materiellen Schäden sind noch nicht erhältlich. Alle Zahlenangaben, die über die Höhe der Schäden zirkulieren, sind vollständig unzuverlässig.

Die Gefahren für unsere Stadt bestehen weiter. Es ist mit Luftkämpfen über dem schweizerischen Hoheitsgebiet und somit mit abstürzenden Flug zeugen zu rechnen. Die Möglichkeit eines Fehlbombardements besteht weiter. Der Stadtrat ersucht deshalb die Bevölkerung, in der Wachsamkeit und Bereitschaft keinen Augenblick nachzulassen. Der Stadtrat erwartet aber auch, daß die kriegführenden Mächte alles unternehmen, um ein weiteres derartiges Unglück zu vermeiden.

Präsident Marbach verdankt die Ausführungen des Stadtpräsidenten. Der Stadtrat hat alles Menschenmögliche in der Stunde der Katastrophe durchgeführt. Wir dürfen aber auch stolz sein auf die Haltung unserer Bevölkerung. Redner verdankt den städtischen und kantonalen Behörden und Funktionären ihre rasche, tatkräftige Arbeit.

Der Rat gibt durch einmütiges Erheben von den Sitzen den Maßnahmen des Stadtrates sie Zustimmung.

Amnestie für wackere Strafgefangene!

Wie bereits bekannt geworden ist, hatten auch die Strafgefangenen im kantonalen Gefängnis in hervorragender Weise bei den Rettungsarbeiten im Museum zu Allerheiligen mitgewirkt. Der Regierungsrat hat nun beschlossen, den Sträfling, der unter Lebensgefahr den kostbaren „Jüntelen-Altar” rettete, als Dank für diese Tat auf Ostern in Freiheit zu setzen. Der vierte Teil seiner Strafe ist ihm damit bedingt erlassen worden. Auch die übrigen wackeren Gefangenen, die sich nach dem Brande alle bei der Gefängnisverwaltung wieder einfanden, sollen einer teilweisen Amnestie im Rahmen des Eidgenössischen Strafgesetzbuches teilhaftig werden. Auf Ostern werden sie eine besondere Anerkennung erhalten. Bravo! Die Oeffentlichkeit wird diesen Beschluß des Regierungsrates mit allgemeiner Zustimmung und Genugtuung aufnehmen.

Ernst Wieland

Beim Bombenangriff, der unsere Stadt heimsuchte, fand auch der SBB.-Souschef Ernst Wieland in treuer Pflichterfüllung seinen Tod. Seit 34 Jahren war er mit kurzen Unterbrüchen am Bahnhof Schaffhausen tätig, ab Oktober 1935 als Souschef. Einem weiteren Personenkreis ist Ernst Wieland als Mitgründer des Neuen Skiklubs Schaffhausen (1928) und ganz besonders als Leiter der von den SBB. organisierten Gesellschaftsreisen bekannt. Seit 1937 wurde Ernst Wieland mit der Leitung und Organisation des Luftschutzes des Bahnhofes Schaffhausen und einiger weiterer Bahnhöfe betraut und bekleidete seit März 1942 in dieser Organisation den Grad eines Luftschutz-Hauptmanns. Wie allem, was Ernst Wieland unternahm, widmete er sich auch diesen Aufgaben mit der größten Hingabe und opferte ihnen einen Großteil seiner freien Zeit. Mit Erfolg hatte er sich in den letzten Monaten um eine Verstärkung des Bahnluftschutzes Schaffhausen eingesetzt und fast wie in Vorahnung der kommenden Bombardierung hatte er wenige Tage vorher eine Uebung durchgeführt, wo er supponieren ließ, daß er und sein erster Luftschutz-Stellvertreter — wie es dann am Unglückstag tatsächlich der Fall war — als erste bei einer Bombardierung umkommen sollten. Der Tod trat zu Ernst Wieland, als er dem Bahnlustschutz Zürich in einem Telephongespräch vom Stationsbureau aus den Bombenangriff meldete, ein. Beispiel treuester Pflichterfüllung.

Um ihn trauern nicht nur seine Ehefrau und übrigen Nächsten, sondern auch seine Kameraden und alle, die mit dem feinen und leutseligen Charakter des Verstorbenen in Berührung kamen. Nun schlummert er im Waldfriedhof Seite an Seite seiner Dienstkameraden, die das Schicksal ebenfalls auf der Stätte der Pflicht ereilte.

Kategorie: Zeitungsarchiv

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