Einsatz in der Stunde Null: Die Erinnerungen des Oberst Frey (1984)

Von am 29. März 2014

Beobachter, Organisator und Helfer «der ersten Stunde» war auch der bekannte Schaffhauser Oberst Oscar Frey (1893-1945), der, von Zürich kommend, zum Zeitpunkt der Bombardierung in Schaffhausen eintraf und sogleich helfend eingriff. Auf Veranlassung des Territorialkommandos 6 verfasste er wenig später einen Bericht, in dem er nicht nur seine Beobachtungen schilderte, sondern auch die Rettungsmassnahmen einer kritischen Beurteilung unterzog und scharfsinnige und weitsichtige Schlussfolgerungen beifügte. Seine nüchterne Analyse des Geschehens hat bis auf den heutigen Tag Gültigkeit behalten: Zahlreiche von Oscar Freys im April 1944 formulierten Empfehlungen wurden inzwischen im Rahmen der Zivilschutzorganisation verwirklicht. Seine Vorschläge zur Katastrophen-Vorsorge (wobei eine Katastrophe nicht gleich ein Kriegsfall zu sein braucht) haben nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Das aussergewöhnliche historische Dokument wurde bis heute nie veröffentlicht. Dank dem Entgegenkommen der städtischen Behörden können wir es nun unseren Lesern vorlegen. Hier die wesentlichsten Auszüge des Berichtes.

PDF DownloadSchaffhauser Nachrichten – Ausgabe vom 31.03.1984

Am Vorabend des 1. April 1944 war Oberst Oscar Frey noch für die Sektion Heer und Haus in Bern beschäftigt. Am Tag der Bombardierung stellte er, von Zürich kommend, im Bahnhof Neuhausen erstmals Ungewöhnliches fest:

«Auf der Station fiel auf, wie die Stationsbeamten und die wartenden Reisenden ihre Hälse zum Himmel reckten. Als der Zug anhielt, hörte man Motorengeräusch.»

Frey kümmerte sich vorerst nicht darum, doch kaum hatte der Zug den Bahnhof verlassen, als eine Reihe von Detonationen ertönten.

Oscar Frey: «Zum Fenster hinausblickend, sah ich etwa im Raum Kühles Tal (Dorfschiessstand Flurlingen)-Bindfadenfabrik eine Reihe von Einschlägen, leicht erkenntlich an den Dreckfontänen, die aufgeworfen wurden.»

Wenig später hielt der Zug. Frey verliess ihn und eilte in die Stadt, sich bereits einen Überblick über die Zerstörungen verschaffend: «Auf dem Weg durchs Kreuz- und Mühlenquartier, das ich bis zum Brüggli, nur an zwei Orten kurze Ratschläge an Helfer erteilend, rasch durchschritt, sah ich im Detail die dortigen Zerstörungen. Bei der neuen Flurlingerbrücke legitimierte ich mich mit meinem militärischen Grad und erkundigte mich, ob Meldung über die Lage nach oben gemacht worden sei. Die anwesenden zwei Mann erklärten, sie hätten alles versucht, um diese Meldung durchzubringen, das Telefon funktioniere nicht.» Frey liess daraufhin einen Offizier holen und befahl: «Er solle sofort, notfalls unter Ausnützung seiner ihm im Katastrophenfall zustehenden Requisitionsgewalt, sich ein Motorfahrzeug beschaffen und mit Hilfe desselben auf dem Wege zum vorgesetzten Kommando-Posten im nächsten Dorfe, in dem dies möglich sei, nach oben telefonieren, notfalls auch bis zum Kommando-Posten durchfahren und die Meldung erstatten: Schaffhausen sei bombardiert. Einzelne Strassenzüge seien in Flammen. Oberst O. Frey lasse sagen: Massive und rascheste Hilfe sei, unter Zurückstellung aller anderen Aufgaben, nötig.»

Frey eilte dann zum Polizeiposten, wo sich neben Stadtpräsident Walther Bringolf Funktionäre der Polizei und des Festungswachtkorps versammelt hatten, erstattete einen ersten zusammenfassenden Lagebericht und befahl im Einvernehmen mit dem Stadtpräsidenten die sofortige Mobilisation und den zweckmässigen Einsatz aller erreichbaren Wehrpflichtigen. Zudem veranlasste er die Requisition von Werkzeugen bei den grösseren Baumeistern der Stadt. An einem Rapport um 15 Uhr, an dem zusätzlich die Kommandanten der Feuerwehr und des Luftschutzes teilnahmen, wurde das weitere Vorgehen festgelegt und die Einsätze koordiniert. In seinem Bericht attestierte Frey Behörden, Feuerwehr und Militär ein «ausgezeichnetes Gesamtresultat der Schadensbekämpfung», wies jedoch auch auf Massnahmen hin, die «im Detail» noch einer Verbesserung bedurften. Sein erster Punkt: Die Alarmierung.

«Bei Beginn des Krieges hatten wir ein Alarmsignal und Vorschriften, die jedermann befolgen musste. Dann wurde der Alarm praktisch abgeschafft, das Signal aber beibehalten, mit dem Resultat, dass es völlig entwertet ist. Der heutige Zustand ist unter jedem Gesichtspunkt untragbar. Sollte es uns passieren, dass wir eines Nachts durch irgend eine Macht überfallartig angegriffen würden, so würden zahlreiche Sirenen in der Schweiz ertönen. Sie würden einige Luftschutzsoldaten in Bewegung setzen, sonst aber keinen Menschen. Das ist vom Standpunkt der Landesverteidigung aus gesehen kein erfreulicher Zustand. Aber auch dann, wenn man nur an neue Irrtümer, oder an die Möglichkeit von Abschüssen und Abstürzen über unserem Gebiet denkt, ist die Situation unerfreulich, wie der 1. April bewiesen hat, an dem etwa ein Drittel der körperlich Betroffenen auf der Strasse war und blieb und ein weiteres Drittel als Neugierige auf diese oder unter die Fenster getreten ist.» Frey stellte dann weiter fest, dass die Aufgaben bei einer Katastrophe von den bestehenden Organisationen für sich allein nicht gelöst werden könnten. Die Bekämpfung einer Katastrophe sei «eine Sache der Levée en masse», es brauche alle Hände, die in erreichbarer Nähe seien. Er plädierte für ein einheitliches Kommando an der Spitze und für die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen schon vor einem Ernstfall. Gefordert wurde auch ein eigentlicher Kommandoapparat mit entsprechenden Verbindungsmitteln. Wie weitsichtig Oberst Oscar Freys Folgerungen und Empfehlungen waren, hat sich in der Zwischenzeit erwiesen: Nahezu alle seine Vorschläge sind im Rahmen der heutigen Zivilschutzorganisation verwirklicht worden. So stellte er fest:

«Nötig erscheint auch – diese Feststellung ist sehr allgemein aufzufassen und ist durch den 1. April nicht etwa besonders provoziert -, dass da und dort die gegenseitige Einstellung von Soldat und zivilem Funktionär und umgekehrt, Luftschutzmann und Soldat und umgekehrt einigermassen umgestellt wird. Die rasche Eindämmung der Katastrophe in Schaffhausen ist nicht durch den Soldaten, nicht durch den Luftschutzmann, nicht durch den Polizisten, Feuerwehrmann oder Zivilisten bewirkt worden, sondern durch die Zusammenarbeit aller. Aus einer Reihe von Beobachtungen ziehe ich den Schluss, dass die Ausbildung und Erziehung der an der Katastrophenbekämpfung beteiligten Organisationen aller Art, das Gewöhnen an ‹das Befehlen aus dem Sattel heraus› namentlich für die Kader noch sehr stark zu fördern ist. Denn dieses spielt eine eminent wichtige Rolle. Man darf sich auf nichts, was planmässig vorbereitet wurde – und selbstverständlich vorbereitet sein soll – verlassen, beziehungsweise man darf nicht so erzogen sein, dass man ratlos wird, wenn der Film anders abläuft, als man dies gewohnt war.

Ob Beobachtungsposten noch funktionieren oder eingebombt sind, ist unsicher. Ob in den Wasserleitungen noch Druck, oder auch nur Wasser ist, darauf kann man sich nicht verlassen. Ob das Telephon geht, ist nicht sicher. Ich sah in Schaffhausen Leute aus allen Lagern, die staunend feststellten, dass das Telefon nicht ging, darob ratlos wurden und keinen andern Ausweg suchten. Ich sah Kader aus der Armee und aus dem Luftschutz, die die Sicherheit im Befehlen und Kommandieren verloren hatten, weil sie plötzlich ganz andere Leute kommandieren mussten als die, die ihren Friedensvorstellungen entsprachen. Ich sah Feuerwehrleute fast gelähmt ob der Tatsache, dass aus dem Wendrohr nur ein Bächlein rann, statt eines kräftigen Strahls und so fort… Dass die Gründlichkeit in der Ausbildung nicht verloren gehen darf, ist selbstverständlich. Es scheint mir aber nötig, dass als gleichberechtigt daneben die Ausbildung und Erziehung zum gewandten Improvisieren treten muss. Und reicht für beides die heute zur Verfügung stehende Zeit nicht aus, so muss man die Konsequenzen namentlich in der Kaderausbildung ziehen.»

Frey wies sodann auf die «Raschheit im Disponieren und in der Ausführung» hin und nahm auch die Arbeit der Feuerwehr kritisch unter die Lupe: «Das gewöhnliche Wassernetz als Wasserquelle für die Feuerbekämpfung ist wegen der an diesem eintretenden Beschädigungen unzuverlässig. Es drängt sich die Motorspritze jeden Formats, aber auch der kleinen Handspritze für die Haus-, besser wohl Blockfeuerwehren aus. Bei starkem Südwestwind und gleichzeitigem Einsatz der Feuerwehren Winterthur und Zürich in ihren Heimatstädten wäre man in Schaff hausen um eine Verdoppelung der Katastrophe wohl kaum herumgekommen.

In einzelnen Feuerwehren fehlt es entweder am guten Schlauchmaterial oder an der Ordnung in den Magazinen. Ich habe etwa drei Mal beobachtet, wie stark rinnende Schläuche zwei- oder dreimal gegen andere Stücke ausgewechselt werden mussten, bevor mit dem Spritzen begonnen werden konnte. Das kann nur davon herkommen, dass entweder defektes Material nicht ersetzt worden ist, oder aber dass die für reine Übungszwecke benützten alten Schläuche nicht getrennt vom «Kriegsmaterial» gelagert, vielleicht nach Übungen sogar auf den Hydrantenwagen belassen werden und auf diese Weise auf die Brandstätte kommen.

Wäre es – zum Beispiel wegen noch grösserer Intensität des Bombardements und damit der Brände oder als Folge starken Windes nötig geworden, durch Sprengungen die Brandzone einzudämmen, so ist es sehr fraglich, ob dies innert nützlicher Frist, das heisst vor dem Übergreifen auf die ganze alte Stadt, möglich gewesen wäre nach dem, was an Sprengtruppen und an Sprengmaterial zur Verfügung stand.»

Schliesslich ging Oberst Oscar Frey auch auf die «moralischen Belange» ein:

«Einzelindividuen hatten die Nerven verloren. Anzeichen irgendeiner Panik konnte ich aber nirgends beobachten. Dagegen fiel zunächst – also zum Beispiel bei meinem Gang von der Scheidegg durch die Mühlenen in die Stadt – da und dort eine gewisse Lethargie, eine gewisse Passivität auf. Neben Menschen, die von sich aus sofort und sehr sinnvoll eingriffen, sah man wieder andere, da und dort sogar Gruppen von solchen, die irgendwie fatalistisch in die Brände hineinblickten oder sogar flohen und nicht Zugriffen. Warf man dann eine Bemerkung in diese Gruppen hinein, wie etwa: Rettet doch, was noch herauszuholen ist, oder: Durchsucht die Trümmer nach Begrabenen, dann wurde man meist eine Minute lang wie aus irgendeinem erstarrten Bewusstsein aus einer anderen Welt heraus angestarrt. Dann aber löste sich plötzlich diese Erstarrung, und die Leute griffen aktiv zu.

Es erscheint mir von ausschlaggebender Bedeutung in Situationen, wie sie Schaffhausen erlebte, dass in der ersten, der Überfallphase, sich in jeder Häusergruppe, in jedem Teilstrassenstück ein Mensch findet, der die Leitung an sich nimmt und durch seine eigene Aktivität die Apathie, den drohenden Fatalismus der Gelähmten überwindet Und von ebenso ausschlaggebender Bedeutung ist, dass diese Überfallphase in dem Sinne möglichst abgekürzt wird, dass sich durch die sichtbar werdenden Massnahmen – also zum Beispiel durch eintreffende Hilfsmannschaften, geliefertes Pionierwerkzeug, eingreifendes Sanitätspersonal, ja nicht aber nur durch eintreffende papierene Befehle -, die von oben angeordnet werden, sich das Gefühl durchsetzt, dass eine Leitung da ist, die sich durchsetzt und handelt. Diese Erkenntnis zeigt, nach welchen Prinzipien die Kader – auch unten – in allen beteiligten Organisationen auszuwählen und zu schulen sind.»

Kategorie: Zeitungsarchiv
  1. Thomas Waldvogel
    2. April 2014

    guten abend
    sehr interessiert lese ich die beiträge über die Bombardierung von Schaffhausen vor 70 jahren.

    ich selber bin 1949 geboren und habe von meinen Eltern, va meiner mutter und grossmutter sehr viel über die Bombardierung erzählen gehört.

    mich interessieren ua den grossen beitrag von oberst Oscar Frey. er ist mein grossvater. leider konnte ich ihn nicht kennen lernen. er ist viel zu früh mit 53 jahren gestorben.

    mit freundlichen grüssen

    thomas waldvogel