Ein Schreckenstag für Schaffhausen

Von am 20. März 2014

35 Tote und zahreiche Verletzte ­ Schwere Verwüstungen

Schaffhausen hat am letzten Samstag gegen Mittag den vollen Ernst des Luftkrieges zu spüren bekommen. Innert weniger Minuten wurden große Teil der Stadt in Schutt und Asche gelegt oder in Brand gesteckt, und über manche Familien haben sie namenloses Leid gebracht. Ganze Quartiere bieten ein Bild der Zerstörung und des Grauens. Stätten friedlicher Arbeit, Fabriken und gewerbliche Betriebe wurden vernichtet.

PDF: Schaffhauser Nachrichten – Ausgabe vom 03.04.1944

Unersetzliche kulturelle Werte sind zerstört worden. Zahlreiche Mitbürger haben ihre Heimstätten verloren oder fristen heute in verwüsteten Wohnungen ein trauriges Dasein. Und eine große Zahl von Toten, die im Waldfriedhof aufgebahrt sind, erheben einen stummen Protest gegen dieses furchtbare Attentat auf unsere Stadt und gegen die Schrecken des modernen totalen Krieges.
Kurz nachdem um 10.39 Uhr Fliegeralarm gegeben worden war, überflogen zwischen 10.40 und 10.55 Uhr drei Geschwader amerikanischer Flugzeuge die Stadt in ost-westlicher Richtung. Die erste Gruppe von Flugzeugen umfaßte 13 Maschinen, die zweite 20 und die dritte 24 Apparate. Während die ersten zwei Geschwader die Stadt überflogen, ohne Bomben abzuwerfen, wurde die letzte Gruppe von einem einzelnen Jagdflugzeug, dessen Nationalität bisher nickn festgestellt werden konnte, angegriffen. Unmittelbar darauf fielen die Bomben aus einer Höhe von ungefähr 5000 Metern. Einer ersten gewaltigen Detonation folgte in ganz kurzen Abständen eine Reihe weiterer kleinerer Detonationen. Die Bomben, deren eine große Zahl niederging, wurden ohne Veränderung der Flugrichtung abgeworfen. Die angerichteten Zerstörungen ziehen sich daher als gerader, zirka 100 Meter breiter Streifen durch die Stadt, wobei in erster Linie die am Rhein gelegenen Industrie- und Wohnquartiere betroffen wurden, nämlich die Gebiete links und rechts der Baumgartenstraße und der Rhein- und Mühlenstraße. Die in diesen Gebieten angerichteten Schäden sind sehr schwer. In der Baumgartenstraße wurden vor allem die Kammgarnfabrik und der neu erbaute Westtrakt des Museums zu Allerheiligen schwer getroffen. Im Museum wurde vor allem die Gemäldeabteilung schwer mitgenommen. Die Stimmer- und Cranach-Bilder sind vollständig zerstört, während der Jünteler-Altar mit Hilfe eines Sträflings vom kantonalen Gefängnis in beschädigtem Zustand gerettet werden konnte. Von den historischen Zimmern wurde das Bretterhof-Zimmer vollständig zerstört und die Bürgerstube schwer beschädigt, während die übrigen Zimmer leichtere Schäden aufweisen. Glücklicherweise sind der Kreuzsaal und der Konventssaal ‹ abgesehen von zerbrochenen Fensterscheiben ‹ ziemlich intakt geblieben. Die Fabrikanlage der International Watch Comp. ist nur leicht in Mitleidenschaft gezogen worden. In der Rheinstraße sind die Lederwarenfabriken Hablützel und Keßler und die Malerwerkstätte Abegg vollständig ausgebrannt. Schwer getroffen wurde auch die Schreinerei Wintermantel, bei der merkwürdigerweise einzig das Sargmagazin intakt blieb, sodaß die Särge für die Opfer hier bezogen werden konnten.

Ein furchtbares Bild der Zerstörung bietet die M ü h l e n st r a ß e, wo große Brände wüteten. Der erst vor Jahresfrist errichtete Neubau der Tuchfabrik wurde sehr schwer beschädigt, der Bau der Vereinigten Mühlen A.-G. ist vollständig vernichtet. Das reizvolle Haus zum Brüggli ist durch eine Sprengbombe stark getroffen worden. Das rechts der Mühlen straße gegen den Bahndamm liegende Wohn-quartier wurde völlig verwüstet. Mit Hilfe von Truppen, Luftschutz, Feuerwehr, Mitgliedern von Jugendorganisationen und Zivilpersonen konnte noch verhältnismäßig viel Hausrat gerettet werden. Die Habseligkeiten der Betroffenen wurden teilweise auf die Straße gestellt, teilweise in den unversehrt gebliebenen Häusern untergebracht. Schwere Schäden weisen auch die Häuser zwischen dem Brüggli und dem Restaurant zum Kreuz auf.

Die Velo-Firma Weinmann ist vollständig ausgebrannt, das Haus von Dr. Tobler wurde vollständig zerstört. Auch das Entbindungsheim und die M a r i e u st i s t u n g blieben nicht verschont. Glücklicherweise sind hier außer einem kleinen Kind keine Opfer zu beklagen. Das Elektrizitätswerk hat im allgemeinen nicht gelitten, dagegen hat in eine Militärbaracke in der Um gebung des Werks ein Benzinkanister eingeschlagen, wobei leider einem Soldaten die Hand abgerissen wurde.

Schwer getroffen wurde auch die Gegend Münsterplatz, Beckenstube, Herrenacker, Neustadt. Ein trauriges Bild der Verwüstung bietet das Restaurant zum Thiergarten, das völlig ausgebrannt ist. Eine Bombe siel vor dem Regierungsgebäude nieder, durch die 3 Personen geötet und eine weitere Anzahl verletzt wurden. Weitere Einschläge erfolgten im Gerichtsgebäude, wo Kantonsrat Seiler ums Leben kam. Unterhalb des Gerichtsgebäudes verursachte ein Einschlag eine tiefen Bombentrichter.

Auf dem Herrenacker wurde die Silberwarenfabrik Jezler, deren Arbeiter und Angestellte glücklicherweise bereits das Haus verlassen hatten, das N a t u r h i st o r i s ch e Museum und das Restaurant zum Mhrthenbaum zerstört. Von den Beständen des Naturhistorischen Museums konnte leider fast nichts gerettet werden. Glücklicherweise fiel auf den Platz selbst nur eine einzige Bombe, an einer Ecke, wo sie nur einen kleinen Krater verursache. Schwer getroffen wurde die Rathauslaube und das historische Kassenzimmer. An der Neustadt wurden die beiden Restaurants Spanische Weinhalle und Land kutsche durch Brände stark beschädigt.

Am Fronwag Platz erfolgte beim Spiegeleck ein weiterer Einschlag, durch den zwei Personen ums Leben kamen. Einen ganz schweren Treffer, der verschiedene Opfer forderte, erhielt der Südflügel des Bahnhofes, welcher vollständig zerstört wurde. Auch die Bahnanlagen der SBB und der Deutschen Reichsbahn wurden in Mitleidenschaft gezogen. Außerhalb der Altstadt wurde das Katholische Vereinshaus mit seinem kürzlich neurenovterten Saal vollständig zerstört. Die Steigkirche, die bereits für die bevorstehende Konfirmation hergerichtet war, erlitt im Innern schwere Beschädigungen, dann das Rausch’sche Gut und die Villen Max Brunner und Moersen. In allen umliegenden Gebieten sind Tausende von Fensterscheiben in Trümmer gegangen.
Auch im Kohlfirst und den die Stadt umgebenden Wäldern sind ebenfalls zahlreiche Bomben niedergegangen, welche verschiedene Waldbrände verursacht haben, die jedoch eingedämmt werden konnten. Zur Stunde liegen in den Wäldern noch zahlreiche Blindgänger, vor deren Berührung das Publikum gewarnt wird.
Die Gesamtzahl der niedergegangenen Bomben konnte noch nicht festgestellt werden. Schätzungsweise wurden gegen 30 industrielle, gewerbliche und Wohnobjekte völlig oder fast völlig zerstört. Die Gesamtzahl der schwer in Mitleidenschaft gezogenen dürfte doppelt so groß sein. Die Zahl der Obdachlosen konnte noch nicht genau festgestellt werden, da sich viele von ihnen noch nicht gemeldet haben. Sie dürfte 200-300 betragen.

Durch die Zerstörung industrieller und gewerblicher Betriebe wurden 200 Arbeitskräfte unmittelbar betroffen, die während längerer oder kürzerer Zeit arbeitslos sein werden.

Kategorie: Zeitungsarchiv
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