Die Aufarbeitung zeigt: Es war ein Irrtum (1994)

Von am 29. März 2014

Es war ein fataler Irrtum

Hans von Rotz, während 20 Jahren Instruktionsoffizier, studierte während eines längeren Amerikaaufenthaltes die Neutralitätsverletzungen der US Air Force während des Zweiten Weltkrieges. Er kam zum Schluss: Schaffhausen wurde nicht absichtlich bombardiert.

Hans von Rotz

Aus dem Tagebuch der 392. Bombergruppe und von Leutnant Frank Snell, Navigator in dieser Gruppe, entnehmen wir folgende Notizen:

«Am 31. März 1944 um 01.30 Uhr erhielten wir von der Division neue Befehle, um Ludwigshafen anzugreifen. Das Briefing erfolgte um 04.30 bis 05.30 Uhr, aber um 09.00 Uhr wird der Einsatz wegen schlechten Wetters über Deutsch-land gestrichen. Am Abend werden wir wieder für den Einsatz Ludwigshafen alarmiert. Um 06.45 Uhr am 1. April 1944 starteten 46 B-24 Richtung Deutschland. Start und Überflug bis Lille verliefen normal. Nachher wurde uns schnell einmal klar, dass wir südlich-westlich vom Kurs abtrieben und eine Korrektur nötig gewesen wäre, was das Divisionsführungsflugzeug nicht befahl. So war es in der Folge schwierig, irgendwelche Checkpunkte ausfindig zu machen, vor allem auch weil wir bis 7000 Meter über Meer anstiegen. Ich glaubte, Saarbrücken und Strassburg erkannt zu haben, und meldete es dem Bordkommandanten. Wir flogen weiter. Nach einer Kurskorrektur waren wir nicht sicher, ob wir nun Stuttgart oder Karlsruhe überflogen. Da ich keine neuen Navigationsdaten erhielt, um die Position zu überprüfen, flogen wir blind weiter. Plötzlich wurde ein Ziel identifiziert, eine Stadt an einem linken Flussufer. Der Kommandant gab kurz eine Kurskorrektur durch, dann wurden die Bomben um ungefähr 11.00 Uhr ausgelöst. Anschliessend drehten wir auf 290° Richtung Kanalküste. Auf dem Rückweg konnte ich erst wieder Lille identifizieren. Zwischen Calais und Dünkirchen gerieten wir in starkes Flabfeuer. Wir hatten während der ganzen Mission keine Winddaten erhalten. In unserer Gruppe gab es keine Verluste. Im Rahmen des Debriefings nach dem Einsatz erfuhren wir, dass das Pfadfinderflugzeug sich total verirrt hatte und vom geplanten Kurs südlich abgewichen war. Wolken haben visuelle Navigation verhindert. Die Bomben wurden abgeworfen, und alle Bomber kamen eine Stunde verspätet heil zurück. Wir erfahren, dass unsere Bomben 5 km SE von Schaffhausen in einen Wald gefallen sind. Daraus resultierte, dass wir umfassende Erklärungen abgeben mussten. Bis zum 6. April waren keine weiteren Einsätze aus Wettergründen möglich.»

PDF DownloadSchaffhauser Nachrichten – Ausgabe vom 31.03.1994-1

Ungünstiges Wetter…

In Tat und Wahrheit hatte die 392. Bombergruppe die Stadt Schaffhausen bombardiert. Wie konnte es zu diesem katastrophalen Irrtum kommen? Gegen Kriegsende wurden die alliierten Fliegerangriffe vermehrt in die Heimatländer der Achsenmächte Deutschland und Italien vorgetragen. Das blinde Flächenbombardement durch die Wolkendecken hindurch lag dabei an der Tagesordnung. Aus diesem Grunde ordnete z. B. General Guisan zunehmend Neutralitätsschutzeinsätze der Flugwaffe an, indem einzelne ausländische Flugzeuge zur Landung gezwungen und ganze Formationen ohne Warnung angegriffen wurden.

Bei der Bombardierung von Schaffhausen spielte das Wetter sicher seine Rolle, aber nicht über der Stadt, sondern über Frankreich. Aus den Tagebüchern kann herausgelesen werden, dass Wolken und unerwartete Winde aus Nordwesten die Bombenformation zersplitterten. Obwohl als Primärziel Ludwigshafen im Raum Heidelberg vorgesehen war (liegt ca. 200 km nördlich von Schaffhausen), wurden schliesslich versehentlich Strassburg, Pforzheim und Schaffhausen bombardiert. Die Division plante eine Fluggeschwindigkeit von ungefähr 250 km/h, war aber mit Windunterstützung über 150 km/h schneller. Durch Wolkenlücken über Schaffhausen glaubte der Navigator der 392. Bombergruppe, eine Stadt in der Nähe eines grossen Flusses zu erkennen. Leider suchte er keine zusätzlichen Identifikationshinweise wie eine Butanfabrik, Benzollager oder ein grosses Kompressorhaus, welche als Fixpunkte bei der Angriffsplanung über Ludwigshafen vorgesehen waren. Zusätzlich wurde auch eine Weisung der US Air Force nicht beachtet, welche verbot, Bomben in einem 80-km-Abschnitt beidseits der deutschen Grenze oder in besetzten Ländern ohne eine positive Identifikation des geplanten Zieles auszulösen. Über Schaffhausen waren sich die Besatzungen nicht klar, dass sie im 80-km-Grenzbereich Deutschland-Schweiz waren.

Untersuchungsbericht der 2. Bomberdivision an den General der 8. Air Force vom 7. April 1944: Der die Mission führende Bomber, mit dem Divisionskommandanten und Leitnavigator, wurde abgeschossen. Die Wetterbedingungen waren so schlecht, dass eine Nachbardivision ihren Auftrag abbrach. Auch unter Berücksichtigung dieser Fakten muss der Hauptfehler eindeutig der falschen Navigation zugewiesen werden. Das Identifizieren der richtigen Ziele war aber ein sehr schwieriges Unterfangen!

Zusammenfassung: 1. Die irrtümliche Bombardierung von Schaffhausen basiert auf Navigationsfehlern des leitenden Navigators. Die Navigation wurde zusätzlich erschwert durch das schwierige Flugwetter. Die Fehler hätten mit einem besseren Teamwork, einem besseren Zusammenspiel verschiedener Navigationsmethoden und einer sauberen Sichtnavigation vermieden werden können.

2. Wir beurteilen diese Kumulierung von Fehlern als einmalig; Training und standardisierte Abläufe in der 2. Division sollten in Zukunft solche Vorkommnisse verhindern, indem wir Verbesserungen vorsehen bei den Operationsplanungen, den Navigationsverfahren und den Übermittlungsverfahren.

Aus dem Untersuchungsbericht (geheim) des Hauptquartiers US-Strat. Flugwaffe in Europa vom 30. April 1944: • Die 392. Bombergruppe und die 44. Bombergruppe der 2. Bomberdivision haben am 1. April 1944 Schaffhausen bombardiert; • Hauptfehler: Navigation, kein Navigator der ganzen Division hatte die Navigationshilfsmittel korrekt eingesetzt und nach Erreichen der Kanalküsten in Frankreich die Winddaten aufdatiert. Es ist offensichtlich, dass in dieser Mission die Navigatoren nur mitflogen und sich damit begnügten, nach dem vorbereiteten Flugplan zu navigieren. Es ist offensichtlich, dass auch die Gruppen- und Geschwaderkommandanten sich der Pflichten nicht bewusst waren, indem sie während der ganzen Mission kaum ihre genauen Positionen kannten.

Politische und diplomatische Folgen

Die Bombardierung von Schaffhausen hatte aber auch politische und diplomatische Folgen. Sofort nach dem Angriff auf Schaffhausen besuchte der amerikanische Botschafter in Bern, Leland Harrison, unseren Aussenminister Pilet-Go-laz, um seine Sympathie und sein Bedauern auszusprechen. Harrison warnte das State Departement in Washington: «Es ist angezeigt, der schweizerischen Regierung so schnell wie möglich offene und volle Erklärungen durch die höchste amerikanische Regierungsstelle zum Vorfall abzugeben». In der Folge entschuldigte sich General C. A. Spaatz, Kommandant der strategischen Flugwaffe Europa, in London beim schweizerischen Botschafter. Der amerikanische Botschafter in Bern bedauerte den Vorfall bei General Guisan. Der amerikanische Aussenminister C. Hull bestätigte zwei Tage später, dass die amerikanische Regierung für alle Sachschäden aufkommen würde.

Die offizielle Erklärung aber, dass Schaffhausen irrtümlich wegen schlechten Wetters bzw. Navigationsfehlern bombardiert würde und das Herunterspielen des Vorfalles, wurde von der schweizerischen Presse sehr negativ aufgenommen. Kritisch war vor allem, dass im Raume Schaffhausen zur Zeit des Bombardements gutes Wetter mit grosser Sicht herrschte. Die «Gazette de Lausanne» schrieb, dass sie die Entschuldigung mit dem schlechten Wetter sprachlos mache, und wenn amerikanische Kommandanten, ohne zu wissen, wo sie seien, und ohne Geographiekenntnisse die Bomben abwerfen, seien sie schleunigst zu ersetzen. Die «Basler Zeitung» war mit ihren Bemerkungen recht erbost über die amerikanische Wetterentschuldigung und behauptete, Schaffhausen wurde absichtlich bombardiert.

Demgegenüber berichtete die «New York Times» in der Ausgabe vom 2. April 1994 unter anderem: Da die US-Bomber als nicht feindliche Flugzeuge von der Schaffhauser Bevölkerung identifiziert wurden, hatte man den Fliegeralarm ignoriert und keine Luftschutzkeller aufgesucht. Insbesondere war der Morgenmarkt in vollem Gange, als um 10.50 Uhr die ersten Bomben fielen.

Die Rettungsarbeiten wurden sofort eingeleitet und die öffentliche Arbeit schnell wieder aufgenommen. Es fiel auf, wie die Schweizer diese Situation mit stoischer Ruhe bewältigten. Sie sind sich wahrscheinlich bewusst, dass neutrale Länder so nahe an der Front das Risiko eingehen, ungewollt angegriffen zu werden, insbesondere Schaffhausen, dessen Altstadt nördlich des Rheins wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt liegt. 41 Personen wurden getötet, 70 schwer verletzt, 400 Bürger verloren ihr Heim, mehr als 1000 Häuser zeigten Beschädigungen auf. Totalverlust an Menschen und Material: 8,5 Millionen Dollar.

Dem Bericht des amerikanischen Botschafters Harrison vom 20. April 1944 an seinen Aussenminister entnehmen wir: Bis zum 20. April 1994 sind in Schaffhausen 39 Personen gestorben, 33 Personen sind immer noch hospitalisiert, davon zwölf schwer verletzt. 428 Personen haben ihr Heim verloren, davon 102 Familien. 16 Personen wurden allein beim Bahnhof getötet. Eine Bombe traf die städtische Verwaltung und tötete zehn Personen, u.a. ein Mitglied der Stadtregierung und einen Kantonsrichter. Wertvolle Gegenstände wurden im naturhistorischen Museum und im Museum Allerheiligen zerstört, unter anderen verbrannten neun Werke von Tobias Stimmer und eine Kollektion von Schweizer Malern des 17./18. Jahrhunderts.

US-Generalstabschef E. Marshall war einer der hohen Militärs, welche über die Neutralitätsverletzungen sehr beunruhigt waren. Er zeigte sich mitverantwortlich, dass der Aussenminister innert kürzester Zeit dem Bundesrat eine Million Dollar überwies, ohne dass eine genaue Abrechnung darüber verlangt wurde. Daneben wurden zusätzliche Zahlungen in Aussicht gestellt. Diese prompten Reparationszahlungen zeigten positive Wirkungen auf das zwischenstaatliche Verhältnis Schweiz-USA. Ein halbes Jahr später folgten weitere drei Millionen Dollar. Ebenfalls versuchte die US-Regierung, der schweizerischen Forderung einer besseren Erklärung des Vorfalles nachzukommen.

Die Bombardierung von Schaffhausen war der Beginn von vermehrten Neutralitätsverletzungen der alliierten Luftstreitkräfte. Ende September 1944 stellte General Guisan mit Unterstützung des Bundesrates das Gesuch, schweizerische Verbindungsoffiziere den Alliierten abzustellen, um Luftzwischenfälle zu vermeiden. Das Kriegsministerium in Washington stand dieser Idee positiv gegenüber, im Gegensatz zu den Frontkommandanten. Als Bedingungen wurden aufgestellt: zwei Offiziere tieferen Grades sollten von der britischen und von der amerikanischen Botschaft in Bern ausgewählt werden, alle Informationen im Einsatz müssten durch US-Kommunikationskanäle gehen, und persönliche Post würde zensuriert. Die Offiziere müssten immer durch einen alliierten Offizier begleitet werden und dürften keine Einsicht in geheime Operationen erhalten. Die Angelegenheit landete zuletzt beim Stabschef von General Eisenho-wer, welcher folgendes zurückmeldete: «Wir sind davon überzeugt, dass der schweizerische Generalstab voll von Deutschlandsympathisanten ist. Mehr als die Hälfte der Generalstabsoffiziere haben engen Kontakt mit dem deutschen Generalstab. Die Restriktionen, welche wir schweizerischen Verbindungsoffizieren auferlegen müssten, ist für die Schweiz sicher nicht akzeptabel. Es wäre darum einfacher, das Begehren abzulehnen.»

Trotzdem wurde im Januar 1945 eine Gruppe von Schweizer Offizieren zu einem Kurzbesuch akzeptiert.

Zurückhaltende US-Medien

Die Frage ist berechtigt, warum die Verletzungen der schweizerischen Neutralität in den USA in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fanden, obwohl über die Bombardierungen in der Schweizer Presse umfassend berichtet wurde, neben Schaffhausen u. a. in Samedan, Chiasso, Tägerwilen, Rafz, Stein am Rhein, Zürich und Basel. Amerikanische Presseleute hätten jederzeit Zugang zu diesen Informationen gehabt. Dass höchste Kommando- und Regierungsstellen die Neutralitätsverletzungen der Schweiz sehr ernst nahmen, ist aus den Akten klar ersichtlich. Im Gegensatz dazu stand die Einstellung der Frontkommandanten. Für sie war die Schweiz ein Nebenkriegsschauplatz und erst noch ein Nazisympathisant.

Bei der Bombardierung Schaffhausens handelte es sich sicher um keinen vorsätzlichen, böswillig geplanten Angriff auf die neutrale Schweiz, sondern er muss mit den schlechten Navigationsausrüstungen, der Inkompetenz der Bomberbesatzungen und den schlechten Wetterverhältnissen über Frankreich erklärt werden.

Benutzte Unterlagen: Originaldokumente der Bibliothek, Air University, Maxwell AFB Montgomery Alabama; • Allegheny College USA: Tagebuch der 392. Bombergruppe (März/April 1944). Im besonderen: Briefing outline; Einsatzkarte; geheimer Bericht an das Kommando der US Air Force Europa.

Neues aus US-Archiven

(Schi.) Heute abend referiert der amerikanische Nationalarchivar Dr. James Hutson, Director of Documents, Library of Congress, Washington D.C., um 18.15 Uhr in der Rathauslaube über die Ergebnisse seiner vierjährigen Studien in sämtlichen amerikanischen Archiven über die Bombardierung Schaffhausens. Da diese Erkenntnisse in vielen Belangen noch über den auf dieser Seite publizierten aktuellen Forschungsstand hinausgehen, ist das Interesse an diesem in englischer Sprache gehaltenen Vortrag (deutsche Zusammenfassung) zumindest von Seiten der Medien enorm. So sind gleich zwei Fernsehteams anwesend.

Kategorie: Zeitungsarchiv
  1. Walker Stefan
    31. März 2014

    Was ich mich längst frage :
    Wo waren die Schweizer-Flab und Flieger ?? Die U.S.Bomber flogen ja längere Zeit über schweizerischem Gebiet (einzelne, angeschossene Maschinen, welche bei anderen Angriffen über den Bodensee in der Schweiz Zuflucht suchten, wurden sehr wohl beschossen): warum z.B. gab es in der Industriestadt Winterthur damals keinen Fliegeralarm, obwohl die U.S.Bomber nur wenige Flugminuten weit weg waren mit ihrer tödlichen Last ???
    Agierte die Schweizerarmee auch im Krieg nur während den “Bürozeiten” ????
    Ich habe den schweren Verdacht, dass nicht nur der USAAF an diesem 1.4.44 grobe Fehler unterlaufen sind !!!